Personenporträt
Emma Bonn (1879–1942)
Deutsch-jüdische Schriftstellerin

Spurensuche nach einer deutsch-jüdischen Schriftstellerin
Lange war Emma Bonn nahezu vergessen. Dabei entstammte sie einer der weit verzweigten deutsch-jüdischen Familien, die das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben Frankfurts im 19. und frühen 20. Jahrhundert mitprägten. Sie war Schriftstellerin, stand mit Thomas Mann und Bruno Frank in Kontakt und hinterließ ein literarisches Werk, das in bemerkenswerter Weise mit ihrem eigenen Leben verwoben ist.
Erst viele Jahrzehnte nach ihrem Tod wurden ihre Geschichte und zahlreiche ihrer Texte wiederentdeckt. Angela von Gans folgte den verstreuten Spuren Emma Bonns, recherchierte in Archiven und Bibliotheken und veröffentlichte 2021 ihre Biographie „Emma Bonn 1879–1942 – Spurensuche nach einer deutsch-jüdischen Schriftstellerin“.
Von New York zurück zu den Frankfurter Wurzeln
Emma Bonn wurde 1879 in New York geboren. Ihr Vater Wilhelm Bonn war Bankier und gehörte zu jener Generation deutsch-jüdischer Unternehmer, die enge wirtschaftliche und familiäre Beziehungen zwischen Frankfurt und den Vereinigten Staaten unterhielt.
Ihre Mutter Emma, geborene Heidelbach, starb kurz nach ihrer Geburt. Emma und ihr Bruder Max wuchsen deshalb unter starkem Einfluss ihrer Großmutter Henriette Gans auf. Über sie führt Emma Bonns Geschichte unmittelbar in die Genealogie der Familie Gans.
1885 kehrte Wilhelm Bonn mit seinen Kindern nach Frankfurt zurück. Dort waren sie Teil eines großen Familienverbandes. Die Verbindungen reichten zu Familien wie Gans und von Weinberg und damit tief in das Frankfurter Großbürgertum der Zeit.
Emma verbrachte Wochenenden und Ferien auch in Kronberg. Später wurde die Villa Bonn in Feldafing am Starnberger See zu einem zentralen Ort ihres Lebens.
Doch hinter den privilegierten äußeren Verhältnissen stand eine schwierige persönliche Geschichte. Emma berichtete später von einer belastenden Kindheit und einer Gouvernante, unter der sie schwer gelitten habe. Krankheit, familiäre Verpflichtungen und die Suche nach persönlicher Freiheit sollten später immer wieder Eingang in ihr literarisches Werk finden.
Zwischen Musik und Literatur
Emma wollte zunächst Sängerin werden und studierte in Paris und Berlin. Ihr Vater lehnte jedoch eine professionelle künstlerische Laufbahn seiner Tochter ab. Für eine Frau aus ihrer gesellschaftlichen Schicht galt ein solcher Beruf als unangemessen.
Emma fügte sich diesem Rollenbild nicht vollständig. Sie wandte sich zunehmend der Literatur zu und veröffentlichte 1910 erstmals eine Novelle in der Frankfurter Zeitung. Es folgten Romane, Novellen und Gedichte.
Besonders aufschlussreich ist ihr autobiographisch geprägtes Werk „Das Kind im Spiegel“. Darin verarbeitete Emma Erfahrungen ihrer eigenen Kindheit und Familiengeschichte, wenn auch unter veränderten Namen. Andere Texte kreisen um Krankheit, Liebe, Einsamkeit, Selbstachtung und den Wunsch nach persönlicher Freiheit.
Gerade dadurch sind ihre Schriften heute mehr als literarische Zeugnisse. Sie eröffnen einen ungewöhnlich persönlichen Blick auf eine Frau aus dem deutsch-jüdischen Großbürgertum ihrer Zeit.
Thomas Mann, Bruno Frank und die literarische Welt
Emma Bonn blieb nicht vollständig außerhalb des literarischen Lebens ihrer Epoche. Sie hatte Kontakt zu Thomas Mann und Bruno Frank.
Thomas Mann erwähnte sie in seinen Aufzeichnungen und kannte auch ihr gesellschaftliches Umfeld. Von einer engen literarischen Freundschaft oder uneingeschränkten kollegialen Anerkennung kann allerdings nicht gesprochen werden. Die überlieferten Zeugnisse zeichnen ein differenzierteres Bild.
Über ihren Roman „Sonne im Westen“, der von einer schwer erkrankten Sängerin handelt, äußerte sich Mann hingegen anerkennend. Emma selbst bewegte sich damit zumindest zeitweise am Rande jenes literarischen Milieus, das heute zu den bedeutendsten der deutschsprachigen Literaturgeschichte zählt.
Dass sie dennoch fast vollständig in Vergessenheit geriet, hatte mehrere Ursachen. Seit den 1920er-Jahren verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand erheblich. Sie war zunehmend ans Bett gefesselt und konnte kaum noch öffentlich auftreten, Lesungen veranstalten oder am kulturellen Leben teilnehmen. Ihr Wirkungskreis wurde immer kleiner.
Enteignet, deportiert und ermordet
Nach 1933 wurde aus der gesellschaftlich etablierten Schriftstellerin eine Verfolgte. Emma Bonn wurde aufgrund ihrer jüdischen Herkunft systematisch entrechtet und ihres Vermögens beraubt. Auch ihre Villa in Feldafing geriet in den Zugriff der Nationalsozialisten. In den überlieferten Vorgängen erscheint dabei unter anderem der einflussreiche Münchner Nationalsozialist und SS-Funktionär Christian Weber.
Für die bereits seit Jahren schwerkranke und bettlägerige Emma bedeutete dies den vollständigen Verlust ihrer bisherigen Lebenswelt. 1942 wurde sie aus Feldafing fortgebracht und nach München gebracht. Von dort erfolgte ihre Deportation nach Theresienstadt.
Am 4. Juni 1942 erreichte die 63-Jährige das Ghetto. Nur wenige Wochen später starb Emma Bonn dort. Ihre Bücher gerieten in Vergessenheit. Ihr Name verschwand weitgehend aus der Literaturgeschichte. Doch ein Teil ihres Werkes überlebte.
Mehr als hundert gerettete Gedichte
Viele Jahrzehnte später begann Angela von Gans, die Geschichte Emma Bonns wieder zusammenzufügen. Ausgangspunkt war zunächst ihre eigene Beschäftigung mit der Geschichte der Familie Gans. Nach Erscheinen ihres Buches „Die Familie Gans“ wurde sie von Harro Trenkler aus Kronberg auf die Familie Bonn aufmerksam gemacht. Über den Arbeitskreis Feldafinger Chronik stieß sie anschließend auf Emma Bonns „Das Kind im Spiegel“.
Dann erreichte sie ein außergewöhnlicher Fund: Ein Nachfahre Emma Bonns übermittelte Angela von Gans 107 Gedichte, die bis dahin weitgehend unbekannt geblieben waren. Eine Krankenschwester Emma Bonns hatte die Texte nach deren Deportation gerettet und später mit in die Vereinigten Staaten genommen.
Was beinahe verloren gegangen wäre, hatte auf diese Weise überlebt. Für Angela von Gans wurde daraus der Ausgangspunkt einer umfassenden Spurensuche.
Sie recherchierte weitere Werke Emma Bonns, arbeitete unter anderem mit Beständen der Münchner Monacensia und suchte in Archiven nach Dokumenten zu ihrem Leben. Dabei stieß sie auch auf Akten zur nationalsozialistischen Verfolgung und zum Verlust von Emma Bonns Besitz.
Nach und nach entstand aus einzelnen Büchern, Gedichten, Familienüberlieferungen und Archivdokumenten wieder das Bild einer Frau, deren Geschichte fast acht Jahrzehnte lang weitgehend vergessen gewesen war.
Das Buch
2021 erschien schließlich Angela von Gans’ Buch „Emma Bonn 1879–1942 – Spurensuche nach einer deutsch-jüdischen Schriftstellerin“ in der Stroux Edition.
Die Biographie verbindet Familiengeschichte und historische Recherche mit Emma Bonns eigenem literarischen Werk. Sie enthält auch bislang unveröffentlichte Gedichte und Fotografien und macht damit Quellen zugänglich, die ohne ihre Wiederentdeckung möglicherweise weiterhin unbekannt geblieben wären.
Emma Bonns Geschichte ist zugleich Teil der Geschichte der Familien Bonn, Gans und von Weinberg. Sie erzählt vom großbürgerlichen jüdischen Frankfurt, von kulturellem und gesellschaftlichem Leben, von familiären Erwartungen und dem Versuch einer Frau, ihren eigenen künstlerischen Weg zu gehen.
Und sie erzählt davon, wie diese Welt durch die nationalsozialistische Verfolgung zerstört wurde. Dass Emma Bonn heute wieder einen Platz in der Familien- und Literaturgeschichte einnimmt, ist das Ergebnis einer Spurensuche, die mehr als ein Jahrhundert nach ihrer Geburt zurück zu ihren Texten, ihrer Familie und schließlich zu ihrer eigenen Stimme geführt hat.

Emma Bonn – Schriftstellerin und Dichterin: Aufbereitung einer Familiengeschichte | #femaleheritage